„100 Miles of Istria Ultratrail“ 168 km am Stück laufen. Ein Erlebnisbericht von Alexander Bauer

„100 Miles of Istria Ultratrail“ 168 km am Stück laufen. Ein Erlebnisbericht von Alexander Bauer

13. November 2018 1 Von Anna Schefczik

Mein erster „100 Meiler“ – 100 Miles of Istria Ultratrail 2018 – 168 km, 6539 Höhenmeter

Freitag, 06. April 2018, Plomin Luka an der Ostküste Istriens/Kroatien. Ich ärgere mich fürchterlich: Erst über mich selbst und dann über die Leute an der Verpflegungsstation. Soll nach 15,6 km an der ersten Verpflegungsstation schon alles vorbei sein? Und das bei meinem ersten Lauf über die Distanz von mehr als 100 Meilen (umgerechnet ca. 161 km). Ein halbes Jahr der Vorfreude, der monatelangen Trainingsvorbereitung mit teilweise über 150 Kilometern Laufumfang pro Woche, einer langen Anreise und entsprechenden Kosten für Reise und Hotel sollten umsonst gewesen sein? Und nur weil ich an der ersten Verpflegungsstation hastig (wie ich es meistens mache) das angebotene Essen schnell herunterschlinge und dabei auch ein Obst probiert habe, das aber leider noch seinen harten Kern hatte. Es macht „knack“ und zuerst spüre ich ein unangenehmes Ziehen. Ich merke sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Ängstlich spüre ich mit meiner Zunge an den hinteren Zähnen und bemerke, dass ich mir gerade jeweils die Hälfte von zwei Backenzähnen herausgebrochen habe. „So, dass wars jetzt…“ denke ich mir, als ich die Schmerzen immer stärker spüre. Erst ärgere ich mich über mich selbst, weil ich so gedankenlos zugebissen habe, dann wär ich am liebsten zu den Leuten an der Verpflegungsstation hin und hätte sie beschimpft, warum sie denn verdammt noch mal diese daumendicken Kerne nicht vorher rausmachen können. Aber ich hab‘s dann doch gelassen. Es hilft ja doch nicht und es muss ja weitergehen. Aufgeben wollte ich auf keinen Fall. Ich hab nicht all die Mühen auf mich genommen, um bei Zahnschmerzen aufzugeben.

Durch die lange Nacht laufen

Noch hatte ich 155 km und gut 25 Stunden Laufstrecke vor mir. Es war 18:45 Uhr abends, Sonnenschein, Strandwetter und das im April. Jetzt würde es aber von der Küste auf den höchsten Berg Istriens gehen, den 1.401 m hohen Vojak. Lange ziehen sich die Anstiege hin. Der verkarstete, scharfkantige Untergrund in Istrien ist oft genauso schwer zu laufen, wie die hochalpinen Pfade in den Alpen. Etwas Gutes hatten die Zahnschmerzen dann doch: „Ganz nach dem Motto, der eine Schmerz (Zahnschmerzen) überdeckt den anderen Schmerz (Muskelschmerzen in den Beinen)!“ So sind die Kilometer und Stunden nur so dahingeflogen. Ich war durch die Zahnschmerzen abgelenkt. Meine Befürchtung, dass die Zahnschmerzen schlimmer werden und ich dann doch irgendwann aufgeben muss, haben sich nicht bewahrheitet, im Gegenteil, die Zahnschmerzen haben mit der Zeit immer mehr nachgelassen. Ich lief immer weiter in die Nacht hinein und es wurde im Ucka-Gebirge immer höher und kühler. Zum Start um 17 Uhr gab es noch Sonnenschein und 23 Grad, jetzt in der Nacht waren es nur noch 2 Grad. Ganz oben im Ucka-Gebirge lagen noch Schnee und Eis des vergangenen Winters. Einige Male konnte ich mich gerade noch so in der Spur halten ohne böse zu stürzen. Im Ziel habe ich dann erfahren, dass sich dort oben einige schwer verletzt haben (Knochenbrüche, u.s.w.). Dies ist auch ein Unterschied zu einem Straßenlauf. Bei einem großen Trail in schwierigem Gelände gibt es eigentlich immer Einige, die sich schwer verletzen. Zumindest Schürfwunden trägt fast jeder davon. Eine komplette Nacht durchzulaufen gehört für mich zu den schönsten Erlebnissen bei so einem Lauf. Mit einer Stirnlampe „bewaffnet“ über schmale Pfade zu huschen, die Stille zu genießen, ganz mit sich selbst zu sein, übt für mich einen ganz besonderen Zauber aus. Unvergessen der Augenblick, als ich nachts in einer Gruppe von etwa acht gleichschnellen Läufern über eine halbe Stunde gemeinsam einen langen Anstieg hochgelaufen bin. Alle schwiegen, Reden würde nur unnötig Energie kosten…

Der nächste Tag: die große Hitze

Wunderschön dann der anbrechende Morgen. Ein traumhafter Sonnenaufgang an der Ostküste Istriens. 80 km und 13 Stunden habe ich hinter mir. Langsam spüre ich die Erschöpfung der Beinmuskulatur immer stärker. Nächstes Etappenziel ist der große Verpflegungspunkt Buzet ca. bei Kilometer 88, also etwas mehr als der Hälfte der Strecke. Mit diesem Ziel vor Augen nehme ich noch mal alle meine Kräfte zusammen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt setze ich auch meine letzte Whatsapp-Nachricht ab, danach bin ich zu ausgebrannt und schwach, um mich noch großartig mit dem Tippen von Nachrichten aufzuhalten. Glücklich komme ich am frühen Morgen um 7 Uhr an der großen Verpflegungsstation Buzet an. Hier gönne ich mir die einzige längere Pause von ca. 12 Minuten. Liebevoll kümmern sich die Helfer um mich. Man reicht mir Pasta und meinen Drop-Bag. Zur Erklärung: Bei einem langem Ultratraillauf gibt meistens einen Verpflegungspunkt, an dem man die Möglichkeit hat, einen sogenannten Drop-Bag zu hinterlegen, also einen Beutel, in dem man Wechselkleidung, Schuhe, Nahrung, usw. reinpacken kann. Ich habe zwar ein zweites Paar Schuhe im Drop-Bag dabei, nach dem Motto „never change a winning shoe“ bleibe ich aber bei meinem Adidas Terrex Trailmaker GTX , der mir bisher gute Dienste erwiesen hat und mich auch auf der zweiten Hälfte gut begleiten wird. Nicht einmal die Kleidung musste ich wechseln. Meine hochwertigen Laufklamotten von Gore Wear haben sich als sehr gut erwiesen (keine Scheuerstellen auf der Haut, kein Vollsaugen mit Schweiß, u.s.w.). An der Verpflegungsstation in Buzet gönne ich mir sogar die Zeit, mal für ein paar Minuten die Beine hochzulegen.

Frisch gestärkt mache ich mich auf den Weg in die zweite Hälfte des Rennens. Noch genieße ich die relativ kühle Morgenluft. Ich weiß aber auch, dass mich an diesem Tag Sonne und warme 25 Grad erwarten, also alles andere als optimales Laufwetter. Relativ schnell ist die Anfangseuphorie vorüber. Immer schwerer werden die Schritte und immer stärker machen sich die Muskelschmerzen bemerkbar. Etwa bei Kilometer 100 bin ich dann so am Ende, dass ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen kann, noch 70 km weiterzulaufen. Jeder kleine Anstieg wird zur Tortur, aber auch die flacheren Passagen fallen immer schwerer. Ich behelfe mir mit der Vorstellung, dass ich momentan gut in der Zeit liege und zur Not auch „nur“ noch ins Ziel wandern muss, ohne das großzügige Zeitlimit von 46 Stunden zu gefährden. Mental setze ich mir Zwischenziele: Nur noch die nächsten 10 km „laufen“, dann nur noch bis ins Ziel „gehen“. Dann bei Km 110 nur noch die nächsten 10 km „laufen“, dann nur noch „gehen“, u.s.w.

Die Hitze wird immer unbarmherziger. Bei so einem langen Lauf steigt automatisch auch der Puls kontinuierlich. Selbst im Ruhezustand ist der Puls höher als normal, kommt dann noch Hitze dazu, wird einem irgendwann schwindelig. Ich versuche an den Verpflegungsstationen so viel zu essen und trinken wie ich nur schaffen kann. Dies gibt mir immer einen ordentlichen Schub. So schaffe ich es, mich von Verpflegungsstation zu Verpflegungsstation zu schleppen. Zudem habe ich ein neues Wundermittel gefunden, dass mich immer wieder pusht: Red Bull. Ich lasse keine Verpflegungsstation aus und trinke immer wenn es dort Red Bull gibt, dieses Zaubergetränk. Es pusht mich jedes Mal (sorgt aber auch für einen verstärkten Harndrang). Am Ende komme ich auf mindestens acht Dosen.

An der letzten Verpflegungsstation auf ein Bierchen in die Kneipe

Nur noch 40 km, also „nur“ noch einen Marathon… 🙂 Zum Ende hin begegnet man immer mehr anderen Läufern, die auf den kürzeren Strecken unterwegs sind. Neben der 168 km-Strecke (roter Kurs) gibt es nämlich noch eine Route über 110 km, 67 km und einen 41 km-„Bambini“-Lauf. Zum Ende hin treffen dann alle Laufstrecken in Richtung gemeinsames Ziel aufeinander. Immer wenn man von den anderen Läufern als ein Roter (d.h. 168 km-Läufer) identifiziert wird, zu erkennen an der roten Startnummer, und man noch scheinbar leichtfüßig überholen kann, wird man gefeiert wie ein Held. Es wird applaudiert, man bekommt „Bravo-Rufe“. Die letzten 40 Kilometer glichen einem Triumphzug. Ohne diesen Zuspruch wäre es mir in den letzten Stunden sicherlich viel schwerer gefallen.

Irgendwann realisiert man, dass man es jetzt doch wahrscheinlich schaffen wird. Man mobilisiert noch einmal die letzten Reserven. Kurz vor der letzten Verpflegungsstation in Buje (ca. 13 km vor dem Ziel) komme ich mit einem Kroaten, der etwas Deutsch bzw. Englisch kann, ins Gespräch und er lädt mich spontan am letzten Verpflegungspunkt in eine Kneipe ein, um mit mir ein Bier zu trinken. Auch das ist unter Ultra-Trailläufern nichts Ungewöhnliches. Hier sieht man das Ganze nicht so verbissen, wie die Straßenmarathon-Läufer. Die letzten 10 km werden noch einmal zu einer ganz besonderen Herausforderung. Es ist abends 19 Uhr. Sonnenuntergang. Ich bin total erschöpft und kann meine Beine kaum noch bewegen. Sei es aufgrund der Müdigkeit und Erschöpfung oder aber auch wegen dem Bier? 😉 , jedenfalls habe ich leichte Halluzinationserscheinungen. Farben und Töne verschwimmen zu einem Brei. Ich schleppe mich von Meter zu Meter, kann dann aber am Ende sogar noch etwas Tempo machen. Überglücklich erreiche ich kurz vor Abendanbruch um 19:38 Uhr das Ziel in Umag. Ich habe meinen ersten 100-Meilen-Lauf (bei mir waren es am Ende auf meiner GPS-Uhr 170km) geschafft! In einer Zeit von 26:38:14 Stunden erreiche ich Platz 35 von 401 Startern. 140 Starter haben es nicht in Ziel geschafft, was einer Quote von 35 % entspricht. 26,5 Stunden rennend auf den Beinen unterwegs… Ich falle an diesem Abend überglücklich und total erschöpft ins Bett. Aller Ärger und die Zahnschmerzen sind längst vergessen… 🙂