Weisshorn-Überschreitung mit Jan Carlsen

Weisshorn-Überschreitung mit Jan Carlsen

5. November 2018 0 Von Anna Schefczik

Ab ins Wallis ! Hochtourenbericht September 2018

Wenn man im Wallis auf dem 4.153 m hohen Bishorn steht, blickt man Richtung Süden auf den eindrucksvollen Nordgrat des Weisshorns, der sich in einem Auf und Ab über Firn und Fels bis zur 4.505 m hohen Spitze der Pyramide hinaufzieht. Als ich 2011 während unserem Familienurlaub mit meiner Schwester das Bishorn bestiegen hatte, fasste ich sogleich den Entschluss bei der nächsten Gelegenheit das Weisshorn vom Bishorn kommend über den Nordgrat zu überschreiten. Doch bis ich dies schließlich umsetzte sollte es ein wenig dauern…

Als Sportkletterer und Radsportler bin ich vorwiegend am Felsen und mit dem Mountainbike unterwegs. Manchmal packt mich dann aber auch die Lust aufs Alpine. So auch diesen August, als ich Lust aufs Bergsteigen verspürte. Also rief ich Simon an und wir fixierten sechs Tage Anfang September. Leider wurde ich kurz vorher etwas krank, so dass wir unseren Trip absagen mussten. Sichtlich geknickt mit der Aussicht die letzten guten Tage der Saison in der Höhe verpasst zu haben, verschoben wir das Ganze gedanklich schon auf die nächste Saison. Nach einem kurzen Schlechtwettereinbruch mit etwas Neuschnee in der Höhe sah es dann wenig später aber gleich viel besser aus und wir konnten erfreulicherweise doch noch ganz spontan starten – für fünf Tage ab ins schöne Wallis! Wir starteten nur mit einem groben Plan und quatschten auf der Fahrt, was wir die Tage in Angriff nehmen sollten. Das Weisshorn hatten wir irgendwie beide im Sinn und da das Wetter eigentlich nur für den zweiten Tag gut aussah, entschieden wir uns, die „perfekte“ Pyramide der Alpen direkt als erstes anzugehen.

Der herkömmliche Ausgangsort für die Weisshornüberschreitung ist der Talort Zinal. Von hier steigt man zur Cabane Tracuit 3296 m in drei bis vier Stunden auf, die Ausgangsort für die Tour ist. Zinal jedoch liegt allerdings nicht im gleichen Tal wie der Zielort. Daher parkt man in der Regel das Auto im Zielort und legt die 80 km übers Rhonetal mit dem Zug zurück. „Die Kohle für den Zug sparen wir uns, da können wir uns ja gleich ein bisschen an die Höhe gewöhnen“, dachten wir uns und parkten Sonntagmorgen das Auto im Zielort Randa. Von dort wanderten wir über den Jungpass ins Turtmanntal hinüber und stiegen von dort über den Turtmanngletscher zur Cabane Tracuit auf.

Der erste Aufstieg in der Dunkelheit

Leider war der so gewählte Zustieg zum Ausgangspunkt unserer Überschreitung dann mit knapp acht Stunden doch etwas länger als geplant, so dass wir bereits recht müde von unserem Eingehtag beim Abendessen saßen. Beim Essen erfuhren wir, dass es wohl am Grat zum Weisshorn noch an die 30cm Schnee haben würde. Außerdem würden wir durch unsere Tischnachbarn, zwei Schweizer, am morgigen Tag auf dem Nordgrat nicht allein sein. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages gaben einen schönen Blick zwischen den Wolken auf Zinalrothorn, Obergabelhorn und die Dent Blanche frei, während die Hüttenbesatzung, neben der Hüttenchefin vier weitere Frauen, in der Küche für ausgelassene Stimmung sorgte.

Mit einer etwas unsicheren Wettervorhersage, die ab Mittag unbeständiges Wetter mit Gewittern meldete, gingen wir bald ins Bett. Eigentlich hätte ich gut auf sechs Stunden Schlaf kommen können, doch leider kam ich nur auf eine gute Stunde, da ich meine Ohropax vergessen hatte und auch Improvisierte nicht viel nützten. Ziemlich erschöpft saß ich daher um 2.00 Uhr bei zwei Scheiben Marmeladebrot am Frühstückstisch und dachte darüber nach, ob es wohl wirklich Spaß machen würde jetzt die 15 Stunden Tour übers Weisshorn in Angriff zu nehmen.

Eben hatte ich schon einmal einen Fuß vor die Tür gesetzt und konnte draußen nur dichten Nebel feststellen. So machten wir uns nach dem kurzen Frühstück fertig und verließen gegen 2.30 Uhr die Hütte um draußen einen sternenklaren Himmel vorzufinden. Das gab mir ordentlich Motivation und der Gletscher war schnell erreicht. In der Dunkelheit hatten wir kurz Orientierungsschwierigkeiten den richtigen Weg zwischen den Spalten des Gletschers zu finden. Als das geschafft war, kamen wir zügig voran und stiegen nur wenig später in die Flanke zum Bishorn ein.

Das Bishorn ist einer der leichtesten 4000er der Alpen und zeichnet sich auf dem Normalweg durch eine homogene Schneeflanke aus, die man rund zwei Stunden hinaufsteigt. Wir kamen in der Dunkelheit gut voran und erreichten gegen dreiviertel fünf den Gipfel des Bishorns. Geht man die Tour im Sommer, geht hier wahrscheinlich schon bald die Sonne auf und man kann einen ersten Blick auf den Nordgrat hinüber zum Weisshorn erhaschen. Zum Zeitpunkt unserer Tour Mitte September jedoch lag dieser noch in der Dunkelheit.

Als wir unsere Stirnlampen ausschalteten, konnte man erste Konturen des Grats und des Grand Gendarme – ein markanter Felspfeiler in der Mitte des Grates, der auch als eigenständiger 4000er gezählt wird – erahnen. Noch immer war der Himmel sternenklar und es deutete alles darauf hin, dass das Wetter halten würde. In einem Paralleltal zum Tal nach Zermatt hing noch ein Gewitter, das sich dort ordentlich austobte und das wir entspannt von rund 2.000 Meter weiter oben beobachten konnten. Es war fast windstill auf dem Gipfel des Bishorn und für Mitte September außergewöhnlich warm. Nach kurzer Rast setzten wir die Tour mit dem Abstieg ins Weisshornjoch fort. Hier waren bereits keine Spuren mehr zur erkennen und wir mussten daher durch den verharschten Neuschnee selbst spuren.

Vom Joch zieht der Grat in mehreren Aufschwüngen an, bis nach einer halben Stunde der Felsteil beginnt. Auf dem felsigen Teil lag gar nicht mehr so viel Schnee, so dass wir hier ohne Steigeisen weitergehen konnten und daher rascher vorankamen. Die klettertechnischen Schwierigkeiten sind moderat, jedoch ist das Gelände sehr exponiert und zu beiden Seiten geht es knapp 1000 Meter nach unten. Da es wahrscheinlich Tage dauern würde um dort alles abzusichern geht man den Nordgrat mit Ausnahme der schwierigeren Kletterstellen nur am Seil. So kommt man deutlich flotter voran, muss zugleich aber immer hochkonzentriert sein. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie lange wir auf dem Nordgrat entlangkletterten – als jedoch kurz vor der ersten anspruchsvolleren Kletterpassage das erste Morgenrot zu sehen war, war es ein ganz besonderes Gefühl nach den Stunden in der Dunkelheit in der Höhe das erste Tageslicht am Horizont zu sehen.

Als kurz darauf die ersten, spürbar wärmenden Sonnenstrahlen den Nordgrat trafen, wurde die gesamte Ostflanke des Weisshorns mit seinen gewaltigen Gletscherabbrüchen in ein gleisendes Sonnenlicht getaucht. So war der Fels in den folgenden Kletterabschnitten bereits leicht angewärmt, so dass wir die Handschuhe wegpacken konnten. Wir frühstückten kurz unterhalb des Gipfels des Grand Gendarme, nachdem wir die schwierigste Felspassage des Nordgrats absolviert hatten.

Perfektes Wetter auf dem Gipfel des Weisshorns

Von diesem Punkt hatten wir einen tollen Blick auf den weiteren Verlauf des Grats zum Gipfel. Es kam nur noch ein kurzer felsiger Abschnitt, der Rest war ein schmaler Firngrat. Zu beiden Seiten steil und weit abfallend, der in mehreren Aufschwüngen, zum Ende hin immer steiler werdend, bis zum Gipfelkreuz hinaufzog. Die beiden Schweizer waren nun kurz vor uns und zogen uns eine Trittspur in den verharschten Firngrat, was das Vorankommen deutlich erleichtern sollte, da der Firngrat gerade zum Ende einige Male stark aufsteilte und noch gut 30 cm auf Neuschnee lag.

So erklommen wir Stück für Stück, über den immer stärker aufsteilenden Firngrates schließlich nach einer knappen Stunde den Gipfel des Weisshorns. Wir waren dort oben ganz allein. Das Wetter hatte gehalten – Wahnsinn! Auf den wenigen Quadratmetern des Gipfels genossen wir den Ausblick auf die umliegenden 37 Viertausender rund um Zermatt. Hier vom Weisshorn, im Übrigen der siebthöchste Gipfel der Alpen und zugleich einer der höchsten 4000er rund um Zermatt, hatten wir einen fantastischen Ausblick.

Der Abstieg über den Ostgrat klappte ohne Probleme, fühlte sich jedoch ganz schön lang an. Gerade im oberen, 50 Grad steilen Teil mussten wir noch konzentriert bleiben um nicht einen Abgang über die Ostflanke zu machen. Hat man den darauffolgenden Felsteil bis hin zum Frühstücksplatz abgeklettert, so steigt man durch steiles Schrofengelände bis zur Weisshornhütte aus 2932 m ab. Diese erreichten wir am Nachmittag und nach einer kurzen Verschnaufpause begaben wir uns auf die letzten paar Stunden Abstieg zurück zum Ausgangspunkt der Tour, wo wir unser Auto wiederfanden. Nach einer wohlbenötigten Dusche am nahen Camping war der Tag schnell zu Ende.

Der Folgetag war ein Ruhetag, den ich gut gebrauchen konnte. Nachdem ich vormittags gedanklich mit einer weiteren Tour schon abgeschlossen hatte, so planten wir nachmittags bereits unsere nächsten zwei Tage an denen wir dann das Zinalrothorn besteigen wollten. Einen weiteren wunderschönen 4000er, den wir vom Gipfel des Weisshorns bereits gut sehen konnten. Auch hier hielt das Wetter am Gipfeltag bis zum Ende – ein genialer Abschluss unseres Kurztrips ins Wallis. Wir kommen wieder!